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Koffein
Walter Jens und Fukuyama verstehen sich nicht
Frankfurter Allgemeine Zeitung On-Line
 
9. Aug. 2002 Es begann im Februar 2002. 60 amerikanische Wissenschaftler und Autoren hatten die militärischen Reaktionen Amerikas auf die Terroranschläge vom 11. September in einem Schreiben verteidigt. Der Berliner "Tagesspiegel" hatte das Manifest veröffentlicht. Zweieinhalb Monate später antworteten deutsche Intellektuelle in einem Offenen Brief, der in der "Frankfurter Rundschau" erschien.

Jetzt hat erneut die amerikanische Seite das Wort ergriffen. In einem Beitrag, der an diesem Freitag in amerikanischen Zeitungen und im "Tagesspiegel" erscheint, nennen sie die Reaktion der über 100 deutschen Autoren, unter ihnen Walter Jens, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Christoph Hein und Carl Amery, enttäuschend.

Lehrstück in moralischem Pragmatismus

Die amerikanischen Intellektuellen, zu denen Francis Fukuyama, Samuel P. Huntington und Michael Walzer zählen, beklagen an der deutschen Antwort, dass sie auf die zentrale Idee ihres Manifests, die Kategorie des "Gerechten Krieges", überhaupt nicht eingeht. Zwar hätten, klagen die Verfasser im "Tagesspiegel", die Deutschen von einem "unglückseligen historischen Begriff" gesprochen, ihre eigene Position allerdings nicht offen dargelegt.

Belehrend unterscheidet der heutige Brief vier moralische Einstellungen zum Krieg, um rhetorisch zu prüfen, welche davon die deutsche Seite wohl einnimmt. Während der Realist eine moralische Analyse des Krieges ablehne, weil es in Kriegen nur um Macht und Eigennutz gehe, halte der Pazifist grundsätzlich jeden Krieg für moralisch verwerflich. Eine dritte Position rechtfertige den Krieg gegen Andersgläubige oder Andersdenkende über eine religiöse oder ideologische Instanz. Die vierte Position, die einen Krieg unter "universellen moralischen Prinzipien" als gerecht anerkennt, unterscheide sich fundamental von den drei anderen.

"Auf welcher Seite stehen Sie?"

"Welche dieser vier Positionen ist Ihre?", fragen die amerikanischen Briefeschreiber. "Falls Sie Pazifisten sind, sollten Sie dies sagen." Eine realistische Position könnten sie kaum einnehmen, analysieren die Amerikaner, "denn Ihr Brief strotzt vor moralisierenden Behauptungen". Auch das Prinzip des Heiligen Krieges, die dritte Position, könne man den deutschen Intellektuellen wohl nicht unterstellen. Es ist eine pragmatische Position, die die Verfasser des heutigen Schreibens von der Gegenseite erwarten: "Wo also stehen Sie? Ist Waffengewalt für Sie jemals moralisch gerechtfertigt? Falls nein, warum nicht? Falls ja, nach welchen moralischen Kriterien sollte diese Frage entschieden werden? Und wie sollte man diese Kriterien, so wie Sie sie verstehen, auf die gegenwärtige Krise anwenden?"

Statt eine klare handlungsleitende Position zu beziehen, ergingen sich die deutschen Autoren, so der Vorwurf der amerikanischen Seite, in einer pauschalen Verurteilung Amerikas: "Es ist einfach und zweifellos Ihr gutes Recht, die Vereinigten Staaten für so ziemlich alles anzuprangern, was sie in der Welt seit 1945 getan haben." Statt allerdings ein Erstarken des Fundamentalismus in Amerika zu beklagen, sollten die Deutschen lieber gegen den ungleich gefährlicheren islamischen Fundamentalismus Position beziehen: "Glauben Sie, dass die 'fundamentalistischen Kräfte' in der muslimischen Welt (...) eine geringere Bedrohung für die Welt darstellen als jene 'fundamentalistischen Kräfte', von denen Sie fürchten, dass sie in den Vereinigten Staaten an Boden gewinnen?" Und, nicht minder polemisch: "An vielen Stellen Ihres Briefes schwingt Gleichgültigkeit gegenüber den Gefahren mit, die von muslimischen Extremisten ausgehen."

Fukuyama, Huntington, Walzer und Kollegen erwarten eine Antwort auf ihre Fragen. Sie wird sich mit den rhetorischen Zuspitzungen und der Polemik des heutigen Schreibens auseinandersetzen müssen, ohne die Korrespondenz in einen letztlich unfruchtbaren Redestreit abgleiten zu lassen. Unabhängig davon, ob die amerikanische und die deutsche Seite durch diese Korrespondenz einander begreifen lernen: Ein Lehrstück über die kulturellen Unterschiede intellektueller Diskussion ist sie allemal.
 

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